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Politik 2.0 – Denn sie bemühen sich (Rezension)

Rechtzeitig zur Wienwahl erschien “Politik 2.0”, ein Buch von Andrea Heigl und Philipp Hacker über “Demokratie im Netz”. Meine Erwartungen waren relativ hoch. Zu einem wurden diese durch den schlichten und gleichzeitig hochtrabenden Titel geweckt. Zum anderen wusste ich, dass darin auch eine Analyse der politischen Online-Kommunikation in Österreich zu finden sein sollte.

Mein Fazit in aller Kürze: Das Buch liest sich angenehm, weil es gut geschrieben ist und lässt sich aufgrund der eher überschaubaren Länge von 162 Seiten (inklusive 20-seitigem Glossar) recht schnell zu Ende lesen. Es orientiert sich eher an Politik 2.0-Einsteigern und bietet diesen einen relativ guten, obwohl teilweise sehr groben, Überblick über die politischen Tätigkeiten, die in Amerika, Deutschland und Österreich bisher im Netz gesetzt wurden.
Aussagen, die im Buch getroffen werden, sind sehr allgemein und unkritisch gehalten und gehen nur sehr wenig in die Tiefe. Thematisch versierten Lesern fallen deshalb so manche Ungenauigkeiten und (inhaltliche) Fehler auf. So wird zB behauptet, dass das SPÖ-Netzwerk “redbook” (ehemals “campa”) in Anlehnung an den Obama-Wahlkampf entwickelt wurde, obwohl campa.at bereits 2006 seinen Usern zur Verfügung stand.
Bis auf das Cover finde ich die Buchgestaltung weniger ansprechend. So stößt man immer wieder auf s/w-Bilder (!), die sich fast ausnahmslos aus lieblos entnommenen Screenshots zusammenstellen, und die Online-Auftritte der Parteien illustrieren sollen.

Buch: "Politik2.0 - Demokratie im Netz"

Wo bleibt die Demokratie?

Dass sich das erste Drittel des Buches mit dem Obama-Wahlkampf beschäftigt fand ich eher überraschend. So sehr dieser Wahlkampf beispielgebend für alle nachfolgenden Kampagnen ist, hätte ich nicht erwartet, in einem solchen Umfang davon zu lesen. Egal, zumindest war es eine nette Wiederholung.

In einem relativ kurzen Kapitel geht es um Deutschland auf Obamas Spuren. Ein, aufgrund der geschichtlichen und “politischen” Nähe, durchaus sinnvoller Abstecher, welcher aber auf das Thema Demokratie nicht eingeht. Die Autoren widmen sich größtenteils der Beschreibung von Online-Wahlkämpfen in Deutschland und zitieren dann (wahrscheinlich) folgerichtig Manfred Güllner vom Forsa-Institut im Bezug auf deren Kommunikation: “Die Parteien haben ihre verstaubten Kommunikationskonzepte auf dem Papier einfach digitalisiert.”

Die Analyse von Online-Auftritten beschäftigt die Autoren im Österreich-Kapitel weiter. Endlich, dachte ich mir, kommen wir zum wirklich spannenden Teil des Buches. Aus der großen Erwartung wurde ein etwas enttäuschendes “Naja”. Die eher grobe Beschreibung bzw. Analyse der Parteiaktivitäten im Netz wurde auch im dritten Kapitel nahtlos fortgesetzt, ohne dabei deren Beweggründe und die daraus folgenden Aktionen ernsthaft zu hinterfragen. So bleiben wir auch hier eher an der Oberfläche der politischen Kommunikation – von der Demokratie (Entwicklung) gar nicht zu sprechen. Denn – das ist die letzte Überraschung, die das Buch für mich bereit hält – es beschäftigt sich eigentlich relativ wenig mit Demokratie selbst. Eigentlich geht es vordergründig um die Parteien und das, was sie tun, um für sich zu werben und weniger um die wirkliche Auseinandersetzung mit den Wählern. Es geht zu wenig in die Tiefe und verpasst damit die Chance, den Politik 2.0-Einsteigern, an die es sich scheinbar wendet, zu erklären, worum es in der Demokratie im Netz wirklich geht.

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3 Kommentare

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Fast Demokratie

In letzter Zeit war ich im Rahmen von Österreich 2020 stark eingesetzt und habe mein Blog etwas vernachlässigt. Inspiriert von der heutigen GPA-djp WEB2.0-Veranstaltung komme ich aber doch dazu über ein Thema zu schreiben mit dem ich mich in den letzten Monaten unter anderem verstärkt beschäftigt habe. Es geht um die Beziehung zwischen Demokratie und Internet.

Oft hört man, dass die „Demokratie wie sie sein sollte“ durch die fortschreitende Entwicklung des Internets erst ermöglicht wird, weil alle Menschen mitreden können – unabhängig davon, wo sie sich gerade befinden, welchen schulischen Abschluss sie haben oder welcher Partei sie angehören. Diskussionsprozesse und politischen Entscheidungen werden dadurch auf ein breitere Basis gestellt und erhalten eine höhere Legitimation.

In der Realität bestätigt sich diese Theorie jedoch nur selten. Denn das Internet, mit all seinen Beteiligungsmöglichkeiten, trägt dazu bei, die bestehenden Strukturen und Meinungen zu verfestigen. Davon abgesehen, dass ein Großteil politischer Kommunikation mit Gleichgesinnten erfolgt und somit nicht zwingend zur gewünschten Breitenwirkung führt, wird online wie auch offline extremen Standpunkten besonders viel Gehör geschenkt. Dies wiederum führt dazu, dass benachteiligte Personengruppen schwerer zu Wort kommen. (In diesem Zusammenhang empfehle ich die Lektüre von „Technik für ein träges Volk“ aus der Zeit.)

Das Ideal eines rationalen Diskurses und Wettbewerbs der besten Ideen verfällt allzu oft ins wiederholen von Allgemeinplätzen und Wortgefechten zwischen Einzelpersonen, während sich die Mehrheit der potentiell Diskussionswilligen nicht am Austausch beteiligt.

Für jene, die sich die Gestaltung der (demokratisierenden) Kommunikationsprozesse zur Aufgabe gemacht haben stellen sich also die folgenden Fragen: wie können diese Kommunikationswege gestaltet werden um sowohl Zugangsmöglichkeiten für eine breite Bevölkerungsschicht anbieten können und gleichzeitig die Qualität der gelieferten Inputs möglichst hoch zu halten.

FotoCredit: Foto entnommen aus Flickr von Leolumix

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